„Von der Haltung zur inklusiven Handlung“ – Wie Universal Design for Learning Schule neu denken lässt.
Vortragsabend des „freiburger bündnis – eine schule für alle“ mit UDL-Experte Lukas Fehlings
Freiburg – Mit einer herzlichen Begrüßung eröffnete Daniela Körner, Vorständin des Vereins Freiburger Bündnis – Eine Schule für Alle, am vergangenen Freitag die nächste Veranstaltung der Vortragsreihe „Leben und Lernen im Wandel für zukunftsfähige und inklusive Schulen“. Schon zu Beginn gab sie die Richtung des Abends vor: „Es braucht das richtige Maß an Förderung und Forderung.“ Genau dieses Spannungsfeld ist es, das die Schulen heute vor zentrale Herausforderungen stellt – und das der Gast des Abends, Lukas Fehlings, aus sonderpädagogischer wie internationaler Perspektive beleuchtete. Sein Thema: Das wissenschaftlich fundierte Rahmenkonzept des Universal Design for Learning (UDL).
Der Vortrag „Von der Haltung zur inklusiven Handlung – Universal Design for Learning als Leitkonzept schulischer Inklusion“ lockte zahlreiche Interessierte sowohl in den Hörsaal der Pädagogischen Hochschule Freiburg als auch online vor die Bildschirme.
Der Verein selbst, so Körner, unterstütze Schulen und Lehrkräfte auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule – ein Weg, der ohne inklusive Leitideen kaum denkbar ist.
Von privaten Recherchen zum internationalen Netzwerk
Fehlings, Fachbeauftragter für Sonderpädagogik in Basel und ausgewiesener UDL-Experte, berichtete zunächst von seinem eigenen Weg zum Universal Design for Learning. Aus privatem Interesse begann er, sich im Selbststudium mit dem Konzept zu befassen. Daraus entwickelte sich ein wachsendes Netzwerk internationaler Kontakte, vor allem in die USA – dorthin, wo UDL am intensivsten erforscht und weiterentwickelt wird.
„So stelle ich mir Schule vor, so könnte Schule aussehen“, sagte Fehlings über seine ersten Berührungspunkte mit UDL. Der Austausch mit CAST, der amerikanischen Organisation, die UDL maßgeblich entwickelt hat, wurde für ihn zu einem entscheidenden Impuls.
Interaktiv, anschaulich, nah an der Praxis
Der Vortrag war klar strukturiert: Zielsetzung, Denkimpulse, Variabilität der Lernenden, Grundlagen von UDL, Praxisbeispiele, Tools und ein Fazit. Und doch war der Abend weit mehr als eine theoretische Einführung. Immer wieder lud Fehlings zu spontanen Diskussionen ein – mit den Teilnehmenden und zwischen ihnen. Ein interaktiver Vortrag, geprägt von alltagsnahen Beispielen und kleinen Mitmachmomenten.
Der zentrale Gedanke: Lernumgebungen sowie Schule als Lern- und Lebensraum werden so designed, dass Vielfalt und unterschiedliche Bedürfnisse von Anfang an mitgedacht werden.
Dies führt zu einer wesentlichen Entlastung der Lehrpersonen, da der hohe Individualisierungsaufwand reduziert und durch ein vorausschauendes Designen ersetzt wird. Das nimmt Stress heraus – für Lernende wie Lehrende.
Das Problem: Schulen planen für den „Durchschnitt“
Ein roter Faden des Abends war die Kritik am tradierten Schulsystem. Bildungsangebote würden oft für den „durchschnittlichen“ Lernenden gestaltet. Erst im Anschluss würden aufwendige Anpassungen vorgenommen – für diejenigen, die andere Zugänge oder Materialien benötigen.
Die UDL-Expertinnen Katie Novak und Allison Posey formulieren es schärfer:
„Die Umsetzung von UDL erfordert, dass wir viele Überzeugungen, Annahmen und Unterrichtspraktiken, die nicht mehr funktionieren, verlernen.“
Der deutsche Bildungsforscher Andreas Zimpel bringt das Problem ebenfalls auf den Punkt:
„Man serviert eine Methode, die bei einigen zufällig super funktioniert – und der Rest muss irgendwie sehen, wie er sich durchschlängelt.“
UDL kehre dieses Prinzip um: Die Vielfalt, die ohnehin da ist, wird bereits in der Planung berücksichtigt. Oder wie es das bekannte Beispiel ausdrückt:
Man baut auch kein Haus und installiert erst hinterher einen Fahrstuhl, um es barrierefrei zu machen.
Barrieren liegen nicht bei den Lernenden
Eine der prägnantesten Aussagen des Abends stammte aus der US-amerikanischen UDL-Community.
Loui Lord Nelson betont: „Barrieren liegen in der Lernumgebung – nicht bei den Lernenden.“
Fehlings griff diese Perspektive auf und hob die Bedeutung von Nicht-Stigmatisierung hervor. UDL verhindere die Kategorisierung in „Lernende mit Förderbedarf“ und „Normalschüler*innen“.
Ein weiterer Grundsatz: feste Lernziele, aber flexible Wege. Dabei geht es nicht darum, Inhalte „einfacher“ zu machen, sondern darum, anspruchsvolles Lernen zu ermöglichen. Die Aufgabe der Bildungsgestaltenden – Lehrpersonen wie Lernende – verschiebt sich. Ziel ist es, dass Lernende zu Lernexpert*innen werden, die zielgerichtet, reflektiert, einfallsreich, authentisch, strategisch und handlungsorientiert agieren. So müssen Lernziele nicht individuell reduziert werden – ein Prinzip, das insbesondere Katie Novak stark macht.
Für Lehrkräfte bedeutet das einen tiefgreifenden Perspektivwechsel schon bei der Planung, der zunächst eine große Herausforderung darstellt, aber langfristig zu einer transformativen Veränderung führt: Welche Unterstützung kann ich anbieten? Welche Zugänge eröffne ich? Welche Barrieren kann ich im Voraus vermeiden?
In Neuseeland beispielsweise ist UDL im nationalen Curriculum verankert und dient als umfassende Grundlage für die Gestaltung von Schule.
Fehlings beschrieb UDL als eine Art Buffet: Lehrkräfte stellen vielfältige Zugänge bereit – Lernende wählen, was sie brauchen.
Der Abend zeigte eindrucksvoll: Universal Design for Learning ist kein zusätzliches Konzept, das obendrauf kommt – es ist ein grundlegender Perspektivwechsel.
Weg vom Nachjustieren für einige wenige. Hin zu einem durchdachten, flexiblen Lernumfeld für alle.
Das „freiburger bündnis – eine schule für alle“ stellte damit erneut unter Beweis, wie wertvoll der Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit sein kann.